Lukas Ilgner

Shelter

19.02.2014 - 19.04.2014
Lukas Ilgner, Shelter + Mehr Bilder...

, 2014

Digitaler Pigmentprint auf Fine Art Papier kaschiert auf Alu-Verbund-Platte

90 x 60 cm

Lukas Ilgner - Shelter

Lukas Ilgner, 1969 in Kaiserslautern geboren, lebt und arbeitet in Wien als Fotograf. Die Arbeit „Shelter" entstand im Winter 2012/2013.  Zur Zeit arbeitet er, neben seinen Auftragsarbeiten als Berufsfotograf, an einem langjährigen, künstlerischen Projekt zum Holocaust Mahnmal in Berlin.

http://www.lukasilgner.at/

Spaziergänge in Wien. Ich kenne Lukas Ilgner als jemanden, der mit Kamera und wachem Blick durch Wien wandert und sein Umfeld  dokumentiert ohne dabei voyeuristisch zu werden. Sein Blick ist ein Hinschauen auf Augenhöhe.

„Shelter“ ist eine sozialkritische Arbeit, die aus dem Wiener Stadtpark von obdachlos gewordenen Menschen und deren Landnahme im öffentlichen Raum erzählt. In dieser Arbeit geht Lukas Ilgner über das reine Betrachten und Hinterfragen hinaus, indem er zu den 2012/2013 temporär im Stadtpark wohnenden Obdachlosen Kontakt aufnimmt. Zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten besucht er sie im Park, spricht mit ihnen und portraitiert sie mit ihrer Einwilligung gegen Honorar. Dabei geht er über das Subjekt-Objekt-Verhalten, das die Kamera provoziert, hinaus. Das Portraitieren geht Hand in Hand mit dem Kontaktaufnehmen und führt gleichzeitig zu einer konditionierten Blickadjustierung der PassantInnen (in Kamerarichtung), zwingt sie zu einer Auseinandersetzung. Der Prozess des Portraitierens gibt seinen Protagonisten Raum gesehen zu werden und ihre Geschichten zu erzählen.

Ist es notwendig die einzelnen Geschichten zu kennen?

Für Lukas Ilgner sicher, im Sinne einer Interaktion, eines Tauschgeschäfts, einer Annäherung, eines besseren Verstehens. Die ausgearbeiteten Bilder dienen später nicht einer dokumentarischen Wiedergabe von Fakten sondern der Kontemplation, geben den BetrachterInnen die Möglichkeit aus Details und Gesichtern Geschichten zu erdenken.

Schneckenhaus. Ich kenne Lukas Ilgner als jemanden, der mit Kamera, Stativ, verschiedenen Objektiven, mit einer ganzen fotografischen Ausrüstung am Rücken seine Wege geht. Ein Leben unterwegs, wo öffentlich und privat ineinander fließen.

Woraus besteht ein Zuhause, woraus Freiheit? Wie tief sitzt das Bedürfnis danach? Wie fühlt es sich an, wenn sich das Zuhause auf eine Parkbank reduziert, wenn sich die Privatsphäre und der Schutz vor der Witterung auf einen Schlafsack beschränken?

Der Begriff „Shelter“, englisch für Behausung, beinhaltet Schutz, sowie das Sich-zurück-ziehen. Es ist ein schmaler Grat zwischen einem Leben, welches den Grundbedürfnissen gerecht wird und einer Parkbank als Zuhause.

Vielleicht ist das der Grund warum wir lernen daran vorbei zu schauen.

Text: Olivia Jaques

Obdachlose im Wiener Stadtpark

"Im Dezember 2012 stoße ich im Wiener Stadtpark das erste Mal auf aus Plastikplanen, Styropor und Decken errichtete Notschlafstellen. Zusammengehalten von Schnüren und dem Überlebenswillen ihrer Bewohner reihen sie sich, an eine Wagenburg erinnernd, dicht aneinander. Die Bilder dieser Notgemeinschaft nehmen mich gefangen. Sie führen mir den Luxus meiner eigenen Lebensrealität vor. Eine private Toilette ist Luxus. Warmwasser ist Luxus. Rückzugsraum ist Luxus. Privatssphäre ist Luxus. Eigentum ist Luxus. Hier sind Grundbedürfnisse öffentlich. Unter den Planen reduziert sich das Private auf das Dunkel eines Schlafsacks. Beschränken sich persönliche Gestaltungsmöglichkeiten des Umfeldes auf zwei Quadratmeter Parkbank. Wird der Ausnahmezustand zum Alltag. Ein Leben ohne Rechtsgrundlage und Bleiberecht. Ein Leben bis auf jederzeitigen Widerruf. Prekariat. Und in der Reflexion erscheint mir die Membran zwischen meinem und ihrem Leben manchmal erschreckend dünn.

Bei meinem nächsten Besuch liegt schon Schnee. In Gesprächen mit den Bewohnern der Shelters erkläre ich mein Interesse an ihrer Lebenssituation, bitte sie um die Teilnahme an einem Fotoprojekt und biete ihnen dafür auch ein Honorar an.
Die Protagonisten sollen liegend auf ihrem Schlafplatz portraitiert werden, um die primäre Funktion der Unterschlüpfe in den Fotografien herauszustellen. Innerhalb dieses Rahmens ist es mir sehr wichtig die abgebildeten Personen in ihrer Souveränität und Würde darzustellen, ihnen freies Agieren zu ermöglichen und sie nicht in ihren Gesten oder ihrer Blickrichtung zu beeinflussen. Es werden keine Veränderungen an der vorgefundenden Szenerie oder der Bekleidung vorgenommen. Da die Bewohner tagsüber nur sporadisch im Park anzutreffen sind, weil sie sich in Sozialeinrichtungen oder Lokalen aufwärmen und Lebensmittel organisieren, passe ich mich ihrem Rythmus an und komme immer wieder zu verschiedenen Tages- und Abendzeiten bzw. Witterungsverhältnissen in den Park.

Manche ihrer Biographien und Geschichten ähneln einander. Sie zeigen mir Fotos aus der Zeit, als sie sich selbst noch sicher im Leben stehend sahen. Fotos ihrer Kinder, ihrer Partnerinnen. Zerknittert, verblichen und abgekost, seit vielen Jahren ganz nah am Körper aufbewahrter und der Willkür ihrer unberechenbaren Umgebung entzogener Besitz. Ankerpunkte. Vellin zeigt mir ein kleines, verschlissenes Reiseschach aus Plastik. Eine Zeitmaschine in seine Vergangenheit als lokaler Schachmeister. Seine Rente beträgt 220.- Euro im Monat. Selbst in Tschechien heute zu wenig zum Leben.

Die Anwesenheit eines Fotografen, eines vermeintlichen medialen Interesses, verunmöglicht den vorübergehenden Passanten die Notbehausungen und ihre Bewohner einfach zu übersehen. Mein Arbeiten mit Kamera, Stativ und nachts auch mit Lichttechnik zwingt sie sich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass im Zentrum einer der wohlhabendsten europäischen Städte immer mehr Menschen mitten im Winter im Freien übernachten. Die Reaktionen mir gegenüber sind zunächst meist aggressiv, verkehren sich im Gesprächsverlauf aber manchmal unvermittelt ins Gegenteil. Mir wird vorgeworfen die Situation dieser “armen Menschen (Zitat)” auszunutzen. Ein Jogger, von dem ich annehme, dass er hier öfter unterwegs ist, wird sehr emotional. Er ist völlig außer sich über die Situation der Bewohner. Am Ende des Gesprächs läuft er zum nahen Würstelstand und kauft allen eine Portion Würstchen. Eine besser gekleidete Frau möchte von mir wissen, “warum ich diesen Personen überhaupt Aufmerksamkeit schenke”.
Diese unfreiwillige, anarchische, von den persönlichen Geschichten und Lebenssituationen jedes einzelnen erzwungenen Landnahme im öffentlichen Raum, dieses verstörende, weil existenziell bedrohliche Gesicht einer langsam voranschreitenden Verarmung der Gesellschaft sollen in der städtischen Anonymität ausblendbar bleiben." (Lukas Ilgner)